B
[B L A C K•F A•C I N G]
Substantiv, neutral
Praxis des „Gesicht-Schwärzens“ durch weiße Menschen mit dem Ziel der abwertenden, karikaturhaften und generell rassistischen Darstellungen Schwarzer Personen zu „Unterhaltungszwecken“ auf Theaterbühnen sowie in Film und Fernsehen seit dem 18. Jahrhundert.

Ursprünge des Blackfacing
Der Begriff des „Blackfacing“ entstand in den USA des 18. und 19. Jahrhunderts.
In „Minstrel Shows“, einem musikalischen Unterhaltungstheater, verspotteten weiße Darsteller:innen Sprache und Auftreten von Afroamerikaner:innen, indem sie sich mit dunkler Schuhcreme das Gesicht bemalten und sich verkleideten. Die Shows inszenierten Schwarze Menschen als ständig fröhliche und tanzende Sklav:innen. Daneben wurde das Narrativ des unintelligenten, aber gutherzigen Schwarzen Freundes verbreitet, der trotz Ausbeutung und rassistischer Unterdrückung gerne seinem Herrn dient.
Anfang des 20. Jahrhunderts verschwanden die Minstrel Shows allmählich aus den professionellen Theatern der Vereinigten Staaten. Inhalte wie das „Blackfacing“ blieben jedoch und wurden in den darauffolgenden Jahrzehnten von neuen Unterhaltungsmedien wie Filmen, dem Radio oder dem Fernsehen aufgegriffen.
Anhaltende Praxis in Europa
Während in Nordamerika „Blackfacing“ heute überwiegend mit der Sklaverei und daher als negativ assoziiert wird, sieht die Situation in Europa anders aus. Ob zur Weihnachtszeit, an Karneval oder in „satirischen“ Formaten: Noch immer greifen Menschen zur Belustigung anderer auf rassistische Darstellungen zurück.
Blackfishing und kulturelle Aneignung
Weiße benutzen Schwarzsein als Accessoire. Ähnlich verhält es sich beim „Blackfishing“, der Selbstinszenierung weißer Pop-Künstler:innen als BIPoC-Persönlichkeit, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Schwarze Identität wird zu (Life-)Style und Maskerade degradiert, wohingegen kollektive Rassismuserfahrungen unsichtbar bleiben.
BIPoCs wurden seit jeher wegen ihres Äußeren oder bestimmter kultureller Praktiken diskriminiert, verfolgt und getötet. Weiße waschen sich nach der Show die Farbe aus dem Gesicht oder legen die Verkleidung ab – ohne darüber nachdenken zu müssen, was das Aussehen, das sie imitieren, im täglichen Leben bedeutet.
K
[K O•L O•N I•A•L I S•M U S]
Substantiv, maskulin
Gewaltsame Annexion außereuropäischer Gebiete durch europäische Staaten, basierend auf einem rassistischen Überlegenheitsdenken und mit den vorrangigen Zielen wirtschaftlicher Ausbeutung und territorialer Ausdehnung.

Die europäische Kolonialherrschaft
Ab dem 16. Jahrhundert haben europäische Monarchien wie Frankreich, Großbritannien, Spanien und Portugal damit begonnen, weite Teile Amerikas, Afrikas, Asiens und Ozeaniens systematisch und gewaltsam zu kolonisieren. Als Rechtfertigung dienten menschenverachtende Pseudowissenschaften wie die sogenannte „Rassenlehre“.
Unterdrückung, Ausbeutung und Genozide
Die Kolonialherren argumentierten, dass die Bewohner:innen der kolonisierten Gebiete angeblich „minderwertigen Rassen“ angehörten. Sie würden „wild“, „unzivilisiert“ und ohne eigene Kultur leben und wären in mancher Hinsicht Tieren ähnlicher als Menschen. Diese fast vollständige Entmenschlichung des Gegenübers schuf die Grundlage für unzählige Grausamkeiten wie Folter, Versklavung, Verstümmelung und Mord.
Zu den schrecklichen Höhepunkten der europäischen Kolonialpolitik zählen auch mehrere Genozide. Beispiele dafür sind die Massenmorde an indigenen Gruppierungen durch weiße Siedler:innen in den Amerikas ab dem 15. Jahrhundert oder die Ermordung der Palawa in Tasmanien zwischen 1820 und 1832. In vielen Fällen kämpfen Hinterbliebene bis heute, um die offizielle Anerkennung dieser Verbrechen als Völkermorde.
Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte der Terror der deutschen Kolonialherrschaft sein Zenit. Als 1904 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (das heutige Namibia) die Herero und Nama gegen das Fremdregime rebellierten, schlugen kaiserliche „Schutztruppen“ den Aufstand brutal nieder und sorgten in der Folge bis 1908 für den Tod von rund 95.000 Menschen.
Späte Anerkennung und anhaltende Ungerechtigkeit
Nach jahrzehntelangen Bemühungen von Vertreter:innen der Herero und Nama erkannte das Auswärtige Amt im Jahr 2015, knapp 120 Jahre danach, die Ereignisse als Völkermord an. Eine offizielle Entschuldigung der Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgestaat des Deutschen Kaiserreichs sowie finanzielle Entschädigungen stehen bis zum heutigen Tag allerdings aus.
Während die ersten Unabhängigkeitsbewegungen bereits im 18. Jahrhundert aufkamen, befreiten sich im Laufe des 20. Jahrhunderts sämtliche Kolonien von ihrer Fremdherrschaft. Obwohl das Zeitalter des Kolonialismus vorbei ist, sind die gravierenden sozialen und politischen Auswirkungen bis in die Gegenwart in allen Teilen der Welt spürbar – auch in Oldenburg.
[K O N•T I•N U•I•T Ä T]
Substantiv, feminin
Phänomen eines fortdauernden Zustands, der ohne maßgebliche Veränderungen bzw. Einschnitte im Kontext bestimmter Strukturen, Verhältnisse und Prozesse über einen entsprechenden Zeitraum hinweg besteht.

Kolonialismus wirkt bis heute fort
In der begrifflichen Annäherung an den Kolonialismus haben wir festgehalten, dass dessen historisches Erbe bis in die Gegenwart hinein spürbar ist. Einerseits basiert die Lebensrealität weißer Dominanzgesellschaften noch immer auf der Ausgrenzung von BIPoCs. Andererseits existiert nach wie vor kein Bewusstsein für den Zusammenhang von (neo-)kolonialer Ausbeutung und dem heutigen Wohlstand in West- und Mitteleuropa.
Mechanismen der Verdrängung
Durch fehlende Kontextualisierungen und ausbleibende Kritik schaffen wir als Gesellschaft eine Distanz zur Thematik des Kolonialismus. Indem wir Kolonialverbrechen lediglich als Teil einer historischen Epoche betrachten, wird der Auseinandersetzung damit erhebliche Brisanz genommen – immerhin sprechen wir so „nur“ über etwas, das bereits lange Zeit abgeschlossen scheint. Doch das ist ein gravierender Fehler. Aus kolonialrassistischen Motiven entstandene globale Macht-, Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse bestehen weiter fort und sind kulturell, institutionell und in sozialen Strukturen fest verankert. Kolonialismus ist ein System der Dominanz und Gewalt, das überdauert und unser Denken und Handeln (un-) bewusst bestimmt.
Globale Ausbeutung damals wie heute
Auch heute beuten europäische Länder Rohstoffe und Arbeitskräfte in Regionen des sogenannten „Globalen Südens“ aus. Wirtschaftsbeziehungen sind vorrangig auf die Bedürfnisse der Menschen im sogenannten „Globalen Norden“ ausgerichtet. Neben ökonomischen Aspekten zeigen sich koloniale Kontinuitäten auch in den Bereichen der Wissensproduktion, der Erinnerungskultur und der Art und Weise, wie Geschichte(n) erzählt wird.
Koloniale Spuren im Oldenburger Stadtbild
In Oldenburg sind diese Kontinuitäten wie in vielen anderen deutschen Städten deutlich sichtbar: koloniale Straßennamen, Denkmäler, rassistische Begriffe oder Bildmotive in alltäglichen Kontexten oder durch entmündigende Konzepte wie das der „Entwicklungsarbeit“. Anstatt koloniale Denkweisen und die bestehenden globalen Machtverhältnisse zu überwinden, werden sie so in unserem Bewusstsein weiter festgeschrieben.
Gleichzeitig gibt es auch Kontinuitäten im antikolonialen Widerstand. Denn wie der Kolonialismus selbst sind auch die damit verbundenen Konsequenzen und Auswirkungen keine Einbahnstraße, sondern stehen in einem Wechselverhältnis zueinander.
O
[O •T H E•R I N G]
Substantiv, neutral
Bezugnahme auf das englische Wort „other“ (anders/andersartig), Bezeichnung für die Idee einer oft kolonialrassistisch motivierten und künstlich konstruierten Abgrenzung des „Eigenen“ als bekannte Norm vom „Anderen“ als das minderwertige Fremde.

Othering als Ab- und Ausgrenzungsstrategie
Mit Othering (oder Alterisierung) wird ein Prozess beschrieben, in dem bestimmte Personengruppen als „Andere“ kategorisiert und von einem zusammengehörigen „Wir“ ausgeschlossen werden. Diese Differenzierung ist problematisch, da sie eine künstliche Distanz schafft: Das „Andere“ wird gezielt als etwas „Fremdes“ und somit nicht Zugehöriges beurteilt. Der Grund dafür ist die Selbstbestätigung des eigenen Handelns und Denkens.
Othering hat dabei viele Erscheinungsformen: Es kann sich auf die soziale Stellung eines Menschen in der Gesellschaft (z. B. Klassenzugehörigkeit oder Glaubensvorstellungen) beziehen, aber auch auf Geschlechter, Sexualitäten, Nationalitäten oder schlichtweg auf bestimmte äußere körperliche Merkmale. Es dient dem alleinigen Zweck der Abwertung durch Unterscheidung und als Rechtfertigungsstrategie für Herrschaftsansprüche. Die vor allem in West- und Mitteleuropa verbreiteten Vorstellungen eines homogenen und zusammenhängenden „Orients“ oder „Afrikas“ sind Erfindungen europäischer Kolonialmächte und klassische Othering-Prozesse: Sie verfolgen das Ziel, ganzen Kontinenten und den dort lebenden Gesellschaften ihre Diversität und Komplexität abzusprechen. Somit werden sie nicht nur als „fremd“, sondern auch als rückständig und „unzivilisiert“ bewertet.
Koloniale Kontinuitäten von Othering
Während, aber auch nach der Kolonialzeit, diente Othering dem sogenannten „Globalen Norden“ dazu, gegenüber dem „Süden“ eine selbsterklärte Beschützerfunktion einzunehmen. Gemäß einer rassistisch begründeten Überzeugung wären (weiße) Europäier:innen durch ihren zivilisatorischen Fortschritt demnach mit der Aufgabe betraut, bestimmte Erdteile an ihren vermeintlichen Errungenschaften teilhaben zu lassen. Dieser paternalistische Gedanke ist bis in die Gegenwart hinein verantwortlich für gewaltsame Unterdrückung, für die Zerstörung von kulturellen, sozialen und politischen Systemen und für globale kapitalistische Ausbeutung. Othering wird somit zur Grundlage von kriegerischen Übergriffen, Vertreibungen von Menschen, Versklavung oder für die gesellschaftliche Benachteiligung von BIPoCs im Alltag, z. B. durch bestimmte Zuschreibungen.
Die Annahme von Weißsein als Norm bzw. als „gut“ und „richtig“ – in Abgrenzung zum schlechten „Anderen“ – ist charakteristisch für die Praktik des Otherings. Dieses Phänomen beobachten wir auch noch in heutiger Zeit, z. B. bei den Anfeindungen und Gewalttaten im ersten Jahr der COVID-19-Pandemie gegenüber asiatisch gelesenen Menschen. Aus diesem Grund ist Othering auch immer mit Diskriminierung verbunden.
Othering in Alltag und Kultur
Othering-Prozesse finden wir überall. Sei es die Bildsprache von „westlichen“ Filmen, die in „fremden“ Regionen der Welt spielen, Werbungen, die ein weißes Ideal von Ästhetik vermitteln, Äußerungen weißer Personen des öffentlichen Lebens, politische Entscheidungen oder manifestierte Konzepte von Geschlecht, Sexualität oder Herkunft. Es geht dabei immer um Machthierarchien, Privilegien und die Betonung von Ungleichheit. Die ständige Erwähnung des vermeintlichen „Andersseins“ nicht-weißer Menschen durch Angehörige einer weißen Mehrheitsgesellschaft sorgt nicht nur für das verletzende Gefühl, ausgeschlossen zu werden und nicht dazuzugehören. Es ignoriert zudem, dass wir heute in einer diversen Gesellschaft leben, in der keine homogene Masse einer „Leitkultur“ folgt, sondern sowohl Menschen als auch ihre Lebensmodelle Unterschiede aufweisen.
R
[R A S•S I S•M U S•K R I•T I K]
Substantiv, feminin
Offenlegung rassistischer Prägungen der Gesellschaft und Untersuchung der Beeinflussung von Identitäten, Handlungen und Chancen durch Rassismus sowohl auf individueller Ebene, als auch in Bezug auf Gruppen und Institutionen.

Rassismus als gesellschaftliches Ordnungssystem
Die rassismuskritische Perspektive versteht Rassismus als Ordnung, in der wir alle leben und die unser Zusammenleben beeinflusst. In diesem System der Unterschiede ist festgelegt, was als gut, schön oder wünschenswert und was als weniger wert gilt. Diese Unterscheidungen drücken sich auch in Symbolen in unserem alltäglichen Leben aus und produzieren Macht- und Ungleichheitsverhältnisse. Rassismus betrifft daher alle Menschen – auch diejenigen, die durch rassistische Strukturen Vorteile erhalten. Durch eine rassistische Unterscheidungspraxis finden sich manche Menschen in privilegierten, andere in nicht-privilegierten Positionen wieder. Es sind also nicht nur einzelne Menschen, die rassistische Einstellungen haben, sondern Rassismus prägt die gesamte Gesellschaft.
Nicht selten behaupten weiße Personen, auch sie seien bereits rassistischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Doch das ist falsch und spricht BIPoCs ihre leidvollen Erfahrungen ab. Natürlich können auch Weiße vereinzelt abwertende Bemerkungen aufgrund der äußerlichen Erscheinung erleben. Dennoch geschieht (und geschah) dies nie im Rahmen einer Ideologie oder Systematik, wie sie der Rassismus seit Jahrhunderten aufweist. Anders als BIPoCs auf der ganzen Welt waren und sind weiße Menschen nie systematisch wegen körperlicher Merkmale, ihrer Herkunft oder kulturellen Gebräuche benachteiligt, verurteilt, ausgeschlossen, verfolgt, versklavt oder ermordet worden. Rassismus ist ein Machtinstrument weißer Dominanz und strukturell verankert – mit dem Ziel, eine Systematik der Ungleichheit aufrechtzuerhalten.
Rassismus wird erlernt und überliefert
Rassismus wird erlernt und von Generation zu Generation weitervermittelt: Jede Person in dieser Gesellschaft besitzt aufgrund ihrer Sozialisation rassistisches Wissen, kennt also Stereotype und Zuschreibungen, z. B. durch Schule, Medien oder Popkultur. Es geht nicht nur um Menschen, die sich offen rassistisch äußern, sondern auch darum, wie (z. T. unbewusste) Annahmen dazu führen, dass Ungleichheit, Ausgrenzung und Vorverurteilungen entstehen.
Aufklärungsarbeit: Keine Gratisleistung von Betroffenen
Rassismuskritik untersucht, wie Rassismus das gesamtgesellschaftliche Miteinander bestimmt. Das geschieht nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch in Bezug auf Gruppen und Institutionen. Dazu gehören auch „macht- und selbstreflexive Betrachtungsperspektiven“, also das kritische Hinterfragen von bestehenden Normen, Institutionen, Debatten und Regeln. Dies bedeutet in erster Linie Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Falls weiße Personen dazu bereit sind, wird diese Arbeit oft als Gratisleistung von rassifizierten Menschen verlangt. Anstatt rassistische Systematiken als weißes Problem anzuerkennen, werden negativ Betroffene in die Verantwortung genommen, eigene Erfahrungen zu teilen. Im Best Case Scenario nervt das, im Worst Case Scenario kann es aber auch retraumatisieren.
Rassismus geht uns also alle an! Rassismuskritik ist eine Haltung, die nach Einstellungen und Handlungsweisen sucht, von denen weniger Gewalt ausgeht. Dabei geht es nicht darum, allgemein anwendbare Vorgaben zu formulieren, sondern gegen bestehende rassistische Strukturen zu arbeiten und sich selbst und das Gewohnte immer wieder zu hinterfragen.
W
[W H I T E_S A V•I O R•I S M]
Substantiv, maskulin
Denk- und Handlungsmuster, nach dem sich weiße Menschen aus dem „Globalen Norden“ dazu berufen fühlen, in Ländern des „Globalen Südens“ Entwicklungs-, Aufklärungs- oder Hilfsarbeit zu leisten, was Bilder von unterlegenen, mitleiderregenden Gesellschaften reproduziert.

Der „White Savior Complex“
Der Begriff des „White Savior (Industrial) Complex“ wurde im Jahr 2012 vom Autor Teju Cole geprägt. Er reagierte damit auf die Kampagne KONY 2012, die mit dem gleichnamigen Film das Ziel verfolgte, den ugandischen Rebellenführer und mutmaßlichen Kriegsverbrecher Joseph Kony aufzuspüren und zu verhaften. Die Kampagne wurde von vielen scharf kritisiert. Gründe dafür waren die abwertende Darstellung ugandischer und afrikanischer Lebensverhältnisse sowie der implizite Appell an weiße Menschen, sich als Retter:innen einer rückständigen und hilfsbedürftigen Gesellschaft zu inszenieren. KONY 2012 würde somit koloniale Denkmuster reproduzieren.
Koloniale Wurzeln eines modernen Phänomens
Mit Blick auf die eigene, vermeintlich bessere soziale bzw. finanzielle Situation beabsichtigen „White Saviors“ in der Regel mit ihrem Engagement „etwas Gutes zu tun“. Dabei fehlt jedoch das Bewusstsein für die historisch gewachsene und komplexe Problematik weißer Dominanz – trotz oder gerade wegen der grundsätzlich ethisch-moralischen Motive.
Die Ursprünge von „White Saviorism“ reichen bis zu den Anfängen des Kolonialismus zurück. Weiße Europäer:innen waren schon damals der Überzeugung, dass es richtig und notwendig sei, indigene Gesellschaften zu beherrschen, um sie dadurch zu „retten“, zu „zivilisieren“ und zu „kultivieren“. In einer anderen Form besteht diese Vorstellung heute noch immer.
Verstärkung von Abhängigkeit, Profilierung statt Partnerschaft
Ob sogenannte Entwicklungshilfe, Spendenkampagnen oder Volunteerings: überall finden wir bei genauerem Hinsehen die Abbildung eines Kontinents, der zwangsläufig auf externe Hilfe angewiesen ist, um weiter existieren zu können. Nicht selten sind Rhetorik und Bildsprache dabei stark emotionalisierend, um explizit Mitleid zu erregen. Die Beweggründe für den „White Savior Complex“ variieren: einerseits gibt es ungelernte junge Menschen, die nach dem Abitur oder während des Studiums den Lebenslauf aufbessern wollen. Andererseits dokumentieren Prominente und Influencer:innen ihre „Hilfsbereitschaft“ in den Medien, um so wiederum Prestige und die Anerkennung eines weißen Publikums zu erhalten. In beiden Fällen geht es oftmals weder um eine zielgerichtete Unterstützung noch um ein nachhaltiges Hilfsangebot. Im Mittelpunkt steht die Profilierung der weißen „Retter:innen“, während die sie umgebenden BIPoCs zu Statist:innen degradiert werden. Ihre Anwesenheit dient lediglich dazu, das ehrenwerte Vorhaben der „White Saviors“ zu untermauern.
Das eigene Fortschrittsempfinden als Maßstab
Was bleibt, ist die Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen und Abhängigkeiten. In kolonialer Tradition fühlen sich weiße Menschen verpflichtet, ihren „zivilisatorischen Fortschritt“ als Maßstab auf sogenannte „Entwicklungsländer“ zu projizieren. Dies stellt nicht nur den individuellen Standard dieser Länder in Frage, sondern fordert auch deren Assimilation. Um diese Muster zu durchbrechen, braucht es Aufklärung – zu den Merkmalen kolonialen Denkens und Handelns, zur Dominanz europäisch-weißer Perspektiven sowie zu den Organisationen, die diese (ehrenamtliche) Hilfsarbeit anbieten. Es bedarf neuer Sichtweisen, eines geschichtlichen Bewusstseins und der Unterscheidung von Nutzen und Ausnutzen.

