Historische Fotografie einer Straßenecke in Oldenburg um 1900 mit einem Gebäude, in dem sich ein Kolonialwarengeschäft mit der Aufschrift „Kolonialwaren H. Wefer“ und „Cigarren“ befindet.

[K O•L O•N I•A•L I S•M U S]

Substantiv, maskulin

Gewaltsame Annexion außereuropäischer Gebiete durch europäische Staaten, basierend auf einem rassistischen Überlegenheitsdenken und mit den vorrangigen Zielen wirtschaftlicher Ausbeutung und territorialer Ausdehnung.

Oldenburger:innen in „Deutsch-Südwestafrika“, Bildmitte: Dina Linser und ganz rechts: Heinrich Linser und andere Personen unbekannt. © Werkstattfilm Oldenburg

Der Beginn der europäischen Kolonialherrschaft

Ab dem 16. Jahrhundert haben europäische Monarchien wie Frankreich, Großbritannien, Spanien und Portugal damit begonnen, weite Teile Amerikas, Afrikas, Asiens und Ozeaniens systematisch und gewaltsam zu kolonisieren. Als Rechtfertigung dienten menschenverachtende Pseudowissenschaften wie die sogenannte „Rassenlehre“.

Rassistische Rechtfertigungen und Entmenschlichung

Die Kolonialherren argumentierten, dass die Bewohner:innen der kolonisierten Gebiete angeblich „minderwertigen Rassen“ angehörten. Sie würden „wild“, „unzivilisiert“ und ohne eigene Kultur leben und wären in mancher Hinsicht Tieren ähnlicher als Menschen. Diese fast vollständige Entmenschlichung des Gegenübers schuf die Grundlage für unzählige Grausamkeiten wie Folter, Versklavung, Verstümmelung und Mord.

Koloniale Gewalt und Völkermorde

Zu den schrecklichen Höhepunkten der europäischen Kolonialpolitik zählen auch mehrere Genozide. Beispiele dafür sind die Massenmorde an indigenen Gruppierungen durch weiße Siedler:innen in den Amerikas ab dem 15. Jahrhundert oder die Ermordung der Palawa in Tasmanien zwischen 1820 und 1832. In vielen Fällen kämpfen Hinterbliebene bis heute, um die offizielle Anerkennung dieser Verbrechen als Völkermorde.

Der Völkermord an den Herero und Nama

Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte der Terror der deutschen Kolonialherrschaft sein Zenit. Als 1904 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (das heutige Namibia) die Herero und Nama gegen das Fremdregime rebellierten, schlugen kaiserliche „Schutztruppen“ den Aufstand brutal nieder und sorgten in der Folge bis 1908 für den Tod von rund 95.000 Menschen.

Späte Anerkennung und anhaltende Ungerechtigkeit

Nach jahrzehntelangen Bemühungen von Vertreter:innen der Herero und Nama erkannte das Auswärtige Amt im Jahr 2015, knapp 120 Jahre danach, die Ereignisse als Völkermord an. Eine offizielle Entschuldigung der Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgestaat des Deutschen Kaiserreichs sowie finanzielle Entschädigungen stehen bis zum heutigen Tag allerdings aus.

Koloniale Kontinuitäten bis heute

Während die ersten Unabhängigkeitsbewegungen bereits im 18. Jahrhundert aufkamen, befreiten sich im Laufe des 20. Jahrhunderts sämtliche Kolonien von ihrer Fremdherrschaft. Obwohl das Zeitalter des Kolonialismus vorbei ist, sind die gravierenden sozialen und politischen Auswirkungen bis in die Gegenwart in allen Teilen der Welt spürbar – auch in Oldenburg.