Historische Fotografie einer Straßenecke in Oldenburg um 1900 mit einem Gebäude, in dem sich ein Kolonialwarengeschäft mit der Aufschrift „Kolonialwaren H. Wefer“ und „Cigarren“ befindet.

[O T H E•R I N G]

Substantiv, neutral

Bezugnahme auf das englische Wort „other“ (anders/andersartig), Bezeichnung für die Idee einer oft kolonialrassistisch motivierten und künstlich konstruierten Abgrenzung des „Eigenen“ als bekannte Norm vom „Anderen“ als das minderwertige Fremde.

Kolonialrassistische Dokumentation einer „Forschungsreise“ des Schweizer Botanikers Hans Schinz.

Was bedeutet Othering?

Mit Othering (oder Alterisierung) wird ein Prozess beschrieben, in dem bestimmte Personengruppen als „Andere“ kategorisiert und von einem zusammengehörigen „Wir“ ausgeschlossen werden. Diese Differenzierung ist problematisch, da sie eine künstliche Distanz schafft: Das „Andere“ wird gezielt als etwas „Fremdes“ und somit nicht Zugehöriges beurteilt. Der Grund dafür ist die Selbstbestätigung des eigenen Handelns und Denkens.

Formen der Abgrenzung und Abwertung

Othering hat dabei viele Erscheinungsformen: Es kann sich auf die soziale Stellung eines Menschen in der Gesellschaft (z. B. Klassenzugehörigkeit oder Glaubensvorstellungen) beziehen, aber auch auf Geschlechter, Sexualitäten, Nationalitäten oder schlichtweg auf bestimmte äußere körperliche Merkmale. Es dient dem alleinigen Zweck der Abwertung durch Unterscheidung und als Rechtfertigungsstrategie für Herrschaftsansprüche. Die vor allem in West- und Mitteleuropa verbreiteten Vorstellungen eines homogenen und zusammenhängenden „Orients“ oder „Afrikas“ sind Erfindungen europäischer Kolonialmächte und klassische Othering-Prozesse: Sie verfolgen das Ziel, ganzen Kontinenten und den dort lebenden Gesellschaften ihre Diversität und Komplexität abzusprechen. Somit werden sie nicht nur als „fremd“, sondern auch als rückständig und „unzivilisiert“ bewertet.

Koloniale Kontinuitäten des Otherings

Während, aber auch nach der Kolonialzeit, diente Othering dem sogenannten „Globalen Norden“ dazu, gegenüber dem „Süden“ eine selbsterklärte Beschützerfunktion einzunehmen. Gemäß einer rassistisch begründeten Überzeugung wären (weiße) Europäier:innen durch ihren zivilisatorischen Fortschritt demnach mit der Aufgabe betraut, bestimmte Erdteile an ihren vermeintlichen Errungenschaften teilhaben zu lassen. Dieser paternalistische Gedanke ist bis in die Gegenwart hinein verantwortlich für gewaltsame Unterdrückung, für die Zerstörung von kulturellen, sozialen und politischen Systemen und für globale kapitalistische Ausbeutung. Othering wird somit zur Grundlage von kriegerischen Übergriffen, Vertreibungen von Menschen, Versklavung oder für die gesellschaftliche Benachteiligung von BIPoCs im Alltag, z. B. durch bestimmte Zuschreibungen.

Weißsein als Norm und die Realität von Diskriminierung

Die Annahme von Weißsein als Norm bzw. als „gut“ und „richtig“ – in Abgrenzung zum schlechten „Anderen“ – ist charakteristisch für die Praktik des Otherings. Dieses Phänomen beobachten wir auch noch in heutiger Zeit, z. B. bei den Anfeindungen und Gewalttaten im ersten Jahr der COVID-19-Pandemie gegenüber asiatisch gelesenen Menschen. Aus diesem Grund ist Othering auch immer mit Diskriminierung verbunden.

Othering im Alltag und in kulturellen Bildern

Othering-Prozesse finden wir dabei überall. Sei es die Bildsprache von „westlichen“ Filmen, die in „fremden“ Regionen der Welt spielen, Werbungen, die ein weißes Ideal von Ästhetik vermitteln, Äußerungen weißer Personen des öffentlichen Lebens, politische Entscheidungen oder manifestierte Konzepte von Geschlecht, Sexualität oder Herkunft. Es geht dabei immer um Machthierarchien, Privilegien und die Betonung von Ungleichheit. Die ständige Erwähnung des vermeintlichen „Andersseins“ nicht-weißer Menschen durch Angehörige einer weißen Mehrheitsgesellschaft sorgt nicht nur für das verletzende Gefühl, ausgeschlossen zu werden und nicht dazuzugehören. Es ignoriert zudem, dass wir heute in einer diversen Gesellschaft leben, in der keine homogene Masse einer „Leitkultur“ folgt, sondern sowohl Menschen als auch ihre Lebensmodelle Unterschiede aufweisen.