Substantiv, feminin
Offenlegung rassistischer Prägungen der Gesellschaft und Untersuchung der Beeinflussung von Identitäten, Handlungen und Chancen durch Rassismus sowohl auf individueller Ebene, als auch in Bezug auf Gruppen und Institutionen.

Rassismus als gesellschaftliches Ordnungssystem
Die rassismuskritische Perspektive versteht Rassismus als Ordnung, in der wir alle leben und die unser Zusammenleben beeinflusst. In diesem System der Unterschiede ist festgelegt, was als gut, schön oder wünschenswert und was als weniger wert gilt. Diese Unterscheidungen drücken sich auch in Symbolen in unserem alltäglichen Leben aus und produzieren Macht- und Ungleichheitsverhältnisse. Rassismus betrifft daher alle Menschen – auch diejenigen, die durch rassistische Strukturen Vorteile erhalten. Durch eine rassistische Unterscheidungspraxis finden sich manche Menschen in privilegierten, andere in nicht-privilegierten Positionen wieder. Es sind also nicht nur einzelne Menschen, die rassistische Einstellungen haben, sondern Rassismus prägt die gesamte Gesellschaft.
Falsche Gleichsetzung: Warum „Rassismus gegen Weiße“ nicht existiert
Nicht selten behaupten weiße Personen, auch sie seien bereits rassistischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Doch das ist falsch und spricht BIPoCs ihre leidvollen Erfahrungen ab. Natürlich können auch Weiße vereinzelt abwertende Bemerkungen aufgrund der äußerlichen Erscheinung erleben. Dennoch geschieht (und geschah) dies nie im Rahmen einer Ideologie oder Systematik, wie sie der Rassismus seit Jahrhunderten aufweist. Anders als BIPoCs auf der ganzen Welt waren und sind weiße Menschen nie systematisch wegen körperlicher Merkmale, ihrer Herkunft oder kulturellen Gebräuche benachteiligt, verurteilt, ausgeschlossen, verfolgt, versklavt oder ermordet worden. Rassismus ist ein Machtinstrument weißer Dominanz und strukturell verankert – mit dem Ziel, eine Systematik der Ungleichheit aufrechtzuerhalten.
Rassismus wird erlernt und tradiert
Rassismus wird erlernt und von Generation zu Generation weitervermittelt: Jede Person in dieser Gesellschaft besitzt aufgrund ihrer Sozialisation rassistisches Wissen, kennt also Stereotype und Zuschreibungen, z. B. durch Schule, Medien oder Popkultur. Es geht nicht nur um Menschen, die sich offen rassistisch äußern, sondern auch darum, wie (z. T. unbewusste) Annahmen dazu führen, dass Ungleichheit, Ausgrenzung und Vorverurteilungen entstehen.
Was Rassismuskritik leistet: Keine Gratisleistung von Betroffenen
Rassismuskritik untersucht, wie Rassismus das gesamtgesellschaftliche Miteinander bestimmt. Das geschieht nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch in Bezug auf Gruppen und Institutionen. Dazu gehören auch „macht- und selbstreflexive Betrachtungsperspektiven“, also das kritische Hinterfragen von bestehenden Normen, Institutionen, Debatten und Regeln. Dies bedeutet in erster Linie Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Falls weiße Personen dazu bereit sind, wird diese Arbeit oft als Gratisleistung von rassifizierten Menschen verlangt. Anstatt rassistische Systematiken als weißes Problem anzuerkennen, werden negativ Betroffene in die Verantwortung genommen, eigene Erfahrungen zu teilen. Im Best Case Scenario nervt das, im Worst Case Scenario kann es aber auch retraumatisieren.
Rassismus geht uns also alle an! Rassismuskritik ist eine Haltung, die nach Einstellungen und Handlungsweisen sucht, von denen weniger Gewalt ausgeht. Dabei geht es nicht darum, allgemein anwendbare Vorgaben zu formulieren, sondern gegen bestehende rassistische Strukturen zu arbeiten und sich selbst und das Gewohnte immer wieder zu hinterfragen.

