Substantiv, maskulin
Denk- und Handlungsmuster, nach dem sich weiße Menschen aus dem „Globalen Norden“ dazu berufen fühlen, in Ländern des „Globalen Südens“ Entwicklungs-, Aufklärungs- oder Hilfsarbeit zu leisten, was Bilder von unterlegenen, mitleiderregenden Gesellschaften reproduziert.

Was bedeutet der „White Savior Complex“?
Der Begriff des „White Savior (Industrial) Complex“ wurde im Jahr 2012 vom Autor Teju Cole geprägt. Er reagierte damit auf die Kampagne KONY 2012, die mit dem gleichnamigen Film das Ziel verfolgte, den ugandischen Rebellenführer und mutmaßlichen Kriegsverbrecher Joseph Kony aufzuspüren und zu verhaften. Die Kampagne wurde von vielen scharf kritisiert. Gründe dafür waren die abwertende Darstellung ugandischer und afrikanischer Lebensverhältnisse sowie der implizite Appell an weiße Menschen, sich als Retter:innen einer rückständigen und hilfsbedürftigen Gesellschaft zu inszenieren. KONY 2012 würde somit koloniale Denkmuster reproduzieren.
„Helfen wollen“ – ohne historische Verantwortung
Mit Blick auf die eigene, vermeintlich bessere soziale bzw. finanzielle Situation beabsichtigen „White Saviors“ in der Regel mit ihrem Engagement „etwas Gutes zu tun“. Dabei fehlt jedoch das Bewusstsein für die historisch gewachsene und komplexe Problematik weißer Dominanz – trotz oder gerade wegen der grundsätzlich ethisch-moralischen Motive.
Koloniale Wurzeln eines modernen Phänomens
Die Ursprünge von „White Saviorism“ reichen bis zu den Anfängen des Kolonialismus zurück. Weiße Europäer:innen waren schon damals der Überzeugung, dass es richtig und notwendig sei, indigene Gesellschaften zu beherrschen, um sie dadurch zu „retten“, zu „zivilisieren“ und zu „kultivieren“. In einer anderen Form besteht diese Vorstellung heute noch immer.
Verstärkung von Abhängigkeiten und Profilierung statt Partnerschaft
Ob sogenannte Entwicklungshilfe, Spendenkampagnen oder Volunteerings: überall finden wir bei genauerem Hinsehen die Abbildung eines Kontinents, der zwangsläufig auf externe Hilfe angewiesen ist, um weiter existieren zu können. Nicht selten sind Rhetorik und Bildsprache dabei stark emotionalisierend, um explizit Mitleid zu erregen. Die Beweggründe für den „White Savior Complex“ variieren: einerseits gibt es ungelernte junge Menschen, die nach dem Abitur oder während des Studiums den Lebenslauf aufbessern wollen. Andererseits dokumentieren Prominente und Influencer:innen ihre „Hilfsbereitschaft“ in den Medien, um so wiederum Prestige und die Anerkennung eines weißen Publikums zu erhalten. In beiden Fällen geht es oftmals weder um eine zielgerichtete Unterstützung noch um ein nachhaltiges Hilfsangebot. Im Mittelpunkt steht die Profilierung der weißen „Retter:innen“, während die sie umgebenden BIPoCs zu Statist:innen degradiert werden. Ihre Anwesenheit dient lediglich dazu, das ehrenwerte Vorhaben der „White Saviors“ zu untermauern.
Fortschritt als Maßstab: Der koloniale Blick bleibt bestehen
Was bleibt, ist die Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen und Abhängigkeiten. In kolonialer Tradition fühlen sich weiße Menschen verpflichtet, ihren „zivilisatorischen Fortschritt“ als Maßstab auf sogenannte „Entwicklungsländer“ zu projizieren. Dies stellt nicht nur den individuellen Standard dieser Länder in Frage, sondern fordert auch deren Assimilation. Um diese Muster zu durchbrechen, braucht es Aufklärung – zu den Merkmalen kolonialen Denkens und Handelns, zur Dominanz europäisch-weißer Perspektiven sowie zu den Organisationen, die diese (ehrenamtliche) Hilfsarbeit anbieten. Es bedarf neuer Sichtweisen, eines geschichtlichen Bewusstseins und der Unterscheidung von Nutzen und Ausnutzen.

