Militärisches Gedenken im Herzen der Stadt
Das Ehrenmal des Oldenburgischen Infanterie-Regiments Nr. 91 gehört seit über 100 Jahren zum Stadtbild. Es wirkt bis heute wie ein selbstverständlicher Ort des Gedenkens. Entstanden 1921 nach einem Entwurf von Hugo Lederer, wurde es im Beisein von Paul von Hindenburg auf dem Schlossplatz eingeweiht – zentral platziert zwischen Militär, Monarchie und öffentlichem Raum.
Schon dieser ursprüngliche Standort war kein Zufall. Das Denkmal war Teil einer bewussten Inszenierung militärischer Tradition und staatlichen Kontinuitätsdenkens. Bei der Einweihung nahmen neben Schüler:innen auch Kriegervereine, hochrangige Abordnungen der monarchistisch und demokratiefeindlich gesinnten Reichswehr teil. Eingerahmt wurde die Feier von schwarz-weiß-roten Flaggen des Kaiserreichs und blau-roten Flaggen des Freistaats Oldenburg.
Entstehung und Versetzung


1921, zwei Jahre nach Auflösung des Oldenburgischen Infanterie-Regiments Nr. 91, schuf Hugo Lederer das 91er-Denkmal zu dessen Ehren. Als ästhetisches Vorbild wählte er den Löwen von Chaironeia, ein antikes Grabdenkmal aus dem Jahr 338 v. Chr., das den makedonischen Sieg über die Griechen symbolisiert.
Am 18. September 1921 wurde das Ehrenmal vor der Schlosswache auf dem Schlossplatz in Oldenburg für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Angehörigen des Regiments eingeweiht. Die Zeremonie war geprägt durch die Teilnahme von Veteranenverbänden, Schulen und Militär.
1960 wurde das Denkmal im Zuge der Umgestaltung zur autogerechten Stadt an den heutigen Standort am Theodor-Tantzen-Platz versetzt. Damit verschwand es nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein, sondern blieb als Erinnerungsort bestehen – nun in veränderter städtebaulicher Umgebung, vor dem ehemaligen Staatsministerium und eingebettet in die historische Gesamtästhetik des früheren Großherzogtums.
Militaristische Verherrlichung ohne Unrechtsbewusstsein
In seiner Symbolik und Inschrift deutet das Ehrenmal den Kriegstod als Opfer für „Volk“ und „Vaterland“. Diese Perspektive stellt in militaristischer und deutschnationaler Tradition die gefallenen Soldaten des Regiments in den Mittelpunkt und blendet die historischen Gewaltzusammenhänge aus, in denen dieses Militär agierte.
Das IR Nr. 91 war Teil des preußisch-deutschen Heeres und damit eines Militärs, das imperiale Expansion absicherte. Personelle Überschneidungen führten Kommandeure wie Soldaten des Regiments auch an Orte kolonialer Verbrechen – etwa nach China oder in die sogenannten Schutzgebiete in Afrika.

Das Regiment im kolonialen Kontext
Oskar von Lettow-Vorbeck, Kommandeur des Regiments in den Jahren 1889 und 1890, war erster Vorsitzender des Oldenburger Ablegers der Deutschen Kolonialgesellschaft, die intensive Lobby-Politik für deutsche Expansionsvorhaben betrieb.
Paul Grautoff, Regimentskommandeur im Jahr 1914, unterstützte zuvor als Angehöriger der „Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika“ die koloniale Fremdherrschaft im heutigen Namibia.
Hermann Dobelmann aus Cloppenburg wechselte ab 1904 als Feldwebel zur Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika, wo er an der grausamen Niederschlagung des Herero-Aufstandes beteiligt war.
Gottlieb Feigert, ein weiterer Angehöriger aus Nordenham, war im Jahr 1900 in die brutale Bekämpfung des Boxer-Aufstands in China involviert.




Unvollständige Erinnerung
Ein Hinweis auf diese kolonialen Gewaltzusammenhänge fehlt am Denkmal vollständig. Die Erinnerung konzentriert sich auf deutsche Soldaten als Opfer, während die Perspektiven der von deutscher Militär- und Kolonialpolitik Betroffenen systematisch ausgeblendet bleiben.
Dass diese Dimensionen am Denkmal nicht sichtbar werden, ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer spezifischen Erinnerungstradition. Bis heute bleibt das 91er-Denkmal in Oldenburg – ebenso wie die 91er-Straße am Pferdemarkt – weitgehend unkommentiert.
Die 91er-Straße
Die Ehrung des 91er-Regiments begegnet nicht nur in Form des Denkmals, sondern auch im Namen der Straße in der Nähe der heutigen Landesbibliothek: der 91er-Straße. Sie erinnert an das IR Nr. 91, das seit der Fertigstellung der ersten Kaserne Oldenburgs, der Infanteriekaserne am Pferdemarkt, im Jahr 1820 dort beherbergt war.
Bis heute findet das Ehrengedenken des 91er-Regiments weitgehend unkommentiert im öffentlichen Raum Oldenburgs statt. Es wirkt dadurch als normalisierte Erinnerung militärischer Tradition und stabilisiert ein Geschichtsbild, das die dahinterstehende herrschaftliche Gewalt kaum sichtbar macht.
