Das Degodehaus

Das Degodehaus in Oldenburg: Fachwerk, Feinkost und koloniale Fantasien

Das Degodehaus am Markt ist eines der ältesten und bekanntesten Gebäude Oldenburgs. Errichtet im Jahr 1502, überstand es als einziges mittelalterliches Patrizierhaus den großen Stadtbrand von 1676. Noch heute zieht es Tourist:innen mit seiner reich verzierten Fachwerkfassade an. Weniger sichtbar – aber umso brisanter – ist jedoch seine koloniale Geschichte, die bis in die Gegenwart nachwirkt.

Im Jahr 1860 übernahm der aus Nordenham stammende Kaufmann Wilhelm Degode das Gebäude und eröffnete darin eine Kolonial- und Manufakturwarenhandlung. Damit wurde das Degodehaus Teil eines weitverzweigten Handelsnetzes, das auf kolonialer Ausbeutung beruhte. Verkauft wurden vor allem Waren wie Kaffee – ein Produkt, das unter Gewalt, Zwang und unmenschlichen Bedingungen in den Plantagen deutscher Kolonien wie Deutsch-Ostafrika oder Togo angebaut wurde. Noch Jahrzehnte später, bis ins 20. Jahrhundert hinein, florierte das Geschäft im Degodehaus – getragen von einem ausbeuterischen Wirtschaftsmodell.

Porträt von Wilhelm Degode (*6. Februar 1862 in Oldenburg ✝ 26.November 1931 in Düsseldorf-Kaiserswerth. © Stadtarchiv Düsseldorf

Die Decke als Weltbild: Rassistische Hierarchien in Farbe

Historische Ansicht des Degodehauses, ca. 1920.

Besonders aufschlussreich für die kolonialen Denkmuster jener Zeit sind die Deckengemälde, die der damalige Hausbesitzer Hermann Mylius von Gnadenfeld 1645 anbringen ließ. Die farbenprächtigen Darstellungen zeigen die vier damals bekannten Erdteile – Europa, Asien, Afrika und Amerika – allegorisch verkörpert durch Figuren, eingebettet in landschaftliche Szenen und umgeben von Tiermotiven.

Was auf den ersten Blick wie eine kunstvolle Weltkarte wirkt, ist bei näherem Hinsehen ein Abbild kolonialrassistischer Weltanschauung. Die Darstellungen von Afrika und Amerika zeigen Schwarze, kaum bekleidete Personen in „wilder“ Natur, mit Tieren wie Löwen, Krokodilen und Affen. Afrika wird etwa durch eine Schwarze Frau verkörpert, die – halb nackt – auf einem Krokodil reitet. Im Hintergrund: Raubtiere, Urwald, Hitze, Gewalt. Amerika erscheint ähnlich: Eine rot gekleidete Figur mit Pfeil und Bogen sitzt auf einem fabelhaften Tier, während im Hintergrund andere Figuren ein Feuer schüren.

Die Szenen sind überzogen, exotisiert und stereotyp überfrachtet. Sie spiegeln nicht die Realität außereuropäischer Kulturen, sondern die Projektionen und Vorurteile europäischer Eliten. Im Gegensatz dazu wird Europa als vornehm, bekleidet, gekrönt und über Herrschaft sinnierend dargestellt. Das Bildprogramm suggeriert einen „zivilisatorischen Fortschritt“, der Europa über die anderen Kontinente erhebt – eine künstlerische Umsetzung der kolonialen Idee kultureller und moralischer Überlegenheit.

Kunst oder Ideologie?

Solche Bildprogramme waren im 17. Jahrhundert keine Seltenheit. Doch auch wenn sie aus einer vergangenen Epoche stammen, legitimieren sie durch ihre Erhaltung und fehlende Kontextualisierung bis heute ein eurozentrisches Weltbild. In ihrer ursprünglichen Funktion dienten sie der Machtinszenierung: Sie behaupteten einen globalen Anspruch Europas auf Wissen, Besitz und Kontrolle. Auch der „Bildungsaspekt“, das vermeintliche Sammeln von Informationen über Flora, Fauna und „fremde“ Kulturen, rechtfertigte diese Darstellungen nur vordergründig. In Wirklichkeit standen Machtdemonstration und Abwertung im Vordergrund – verpackt in Allegorien und barocke Bildsprache.

Schönmalerei statt kritischer Aufarbeitung

Bis heute fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte des Degodehauses. Weder die Stadt Oldenburg noch die aktuellen Eigentümer:innen haben erkennbar versucht, die Motive öffentlich einzuordnen oder zu kommentieren. Das Gebäude wird weiterhin primär als „mittelalterliches Schmuckstück“ vermarktet – seine problematische Vergangenheit bleibt im Hintergrund.
Dabei wäre das Degodehaus ein idealer Ort, um über koloniale Kontinuitäten, Alltagsrassismus und eurozentrische Wissensordnungen zu sprechen. Es wäre ein Ort, um zu zeigen, wie tief derartige Denkstrukturen in der Kultur, der Wirtschaft und der Selbstwahrnehmung einer Stadt wie Oldenburg verankert sind.

Die Decke des Degodehauses ist ein sprechendes Denkmal – aber nur, wenn wir es auch zum Sprechen bringen. Eine kontextualisierende Ausstellung, eine öffentliche Debatte oder zumindest erklärende Tafeln wären erste Schritte. Ohne diese bleibt das Degodehaus ein kolonialästhetischer Raum, der problematische Bilder weiterträgt – und damit koloniale Hierarchien symbolisch fortschreibt.

Oldenburg hat die Chance, sich seiner Geschichte ehrlich zu stellen. Das Degodehaus kann dabei mehr sein als ein touristisches Fotomotiv. Es kann ein Ort des Lernens, der Reflexion und der Verantwortung werden – sofern wir uns aktiv darum bemühen.