Das „Somali-Dorf“ auf der Landesausstellung von 1905

Postkarte mit Panorama-Ansicht der Landesausstellung von 1905. © Stadtmuseum Oldenburg

Im Sommer 1905 fand im Oldenburger Dobbenviertel die Landes- und Gewerbeschau statt. Organisiert wurde diese von lokalen Industriellen, die sich davon weiteren wirtschaftlichen Aufschwung für das Großherzogtum erhofften. In 37 Gebäuden, auf einer Gesamtfläche von 14.000 qm, wurden Projekte, Konsumgüter und Erfindungen aus verschiedensten Handwerksberufen, der Technologie, der Landwirtschaft, der Kunst und Kultur, der Kulinarik und der Wissenschaft präsentiert. Daneben gab es ein breites Unterhaltungsangebot.
Dazu zählte insbesondere das im Eversten Holz angesiedelte „Somali-Dorf“. Rund 70 Menschen aus der damaligen französischen Kolonie „Somaliland“, das u.a. die heutigen Länder Dschibuti, Somalia und Äthiopien umfasst, wurden dafür über eine Agentur angeworben. Es ist wahrscheinlich, dass sie dem Clan der Issa angehörten und aus der Nähe der Hafenstadt Obok stammten. Die Inszenierung der „Attraktion“ und der „Dorfbewohner:innen“ glich einem Besuch im Zoo – ein charakteristisches Merkmal jener Schauen im damaligen Kaiserreich.

„Teacher“, 1905. © Stadtmuseum Oldenburg
Kinder mit Speeren, 1905. © Stadtmuseum Oldenburg

Teil eines größeren Phänomens

Die Oldenburger „Völkerschau“ war kein Einzelfall, sondern Teil einer europaweiten Praxis: Zwischen 1875 und den 1930er Jahren fanden im Deutschen Reich rund 400 solcher Schauen statt. Sie folgten dabei einem kommerzialisierten Inszenierungsmuster, wie es Carl Hagenbeck mit seinen sogenannten „ethnographischen Ausstellungen“ perfektioniert hatte. Die gezeigten Menschen wurden bewusst stereotypisiert – als „wilde Krieger“, „edle Wilde“, „primitiv“ oder „exotisch“. Die Besucher:innen sollten sich unterhalten, aber auch in ihrem kolonialen Weltbild bestätigt fühlen.

Die zur Schau gestellten Personen erhielten die Aufgabe, Spektakel aufzuführen, die den kolonialen Blick des weißen Publikums auf Schwarze Menschen bestätigte. Ziel war es, das kolonialrassistische Bild des „edlen Wilden“ und „primitiven Barbaren“ zu füttern. Gepaart wurden diese Vorstellungen mit Zuschreibungen von freizügiger Sexualität, Gewalt und Naturverbundenheit. Die scheinbare „Authentizität“ solcher Schauen war bewusst erzeugt. Bühnenbilder, Tiergeräusche, Kulissen, Kleidung und Performances wurden so gestaltet, dass sie das Publikum nicht mit realen Lebensweisen, sondern mit ihren eigenen Fantasien über das „Fremde“ konfrontierten. 

Als besonderes Highlight der Schau galt eine inszenierte Hochzeit, die wegen der hohen Nachfrage sogar mehrfach aufgeführt wurde.
© Stadtmuseum Oldenburg
„Stamm Essa“, 1905. © Stadtmuseum Oldenburg

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in unzähligen europäischen Städten Menschen aus kolonisierten Gebieten in Zoologischen Gärten, Theatern und Jahrmärkten wie Tiere zum Vergnügen einer weißen Öffentlichkeit „ausgestellt.“ Zwar erhielten die in Oldenburg auftretenden Personen sogar eine Bezahlung und erfuhren im Gegensatz zu anderen „Völkerschauen“ keine körperliche Gewalt oder Misshandlung. Jedoch reproduzierte das „Somali-Dorf“ bestehende menschenverachtende Stereotype und rassistische Überzeugungen von Ungleichheit. Gleiches galt für die Praxis des „Blackfacing“, bei der sich meist weiße Menschen mit schwarzer Farbe das Gesicht anmalen, um Schwarze Menschen abwertend und karikierend darzustellen. Diese rassistische Darstellung geht auf koloniale und minstrelsy-Traditionen zurück und reproduziert herabwürdigende Bilder Schwarzer Menschen, indem sie deren Identität zur Maske macht.

Wissenschaft, Wirtschaft und Werbung – ein koloniales Dreieck

Das „Somali-Dorf“ in Oldenburg war eingebettet in ein größeres koloniales Projekt: Sie diente nicht nur der Unterhaltung, sondern auch wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen. Während einige Teilnehmer gezielt wegen ihrer handwerklichen Fähigkeiten oder ihres „schauspielerischen Talents“ ausgewählt wurden, war ihre Rolle letztlich die eines „lebenden Beweismaterials“ für eine rassistisch motivierte Anthropologie. Körpervermessungen und pseudowissenschaftliche Untersuchungen wurden zur Stützung kolonialer Ideologien genutzt – mit dem Ziel, Menschen in angebliche Rassenhierarchien einzuordnen.

Die Werbekampagnen rund um solche Veranstaltungen inszenierten das „Fremde“ als aufregend und gefährlich. Auch die Oldenburger Zeitung berichtete damals ausführlich über die „Völkerschau“ und hob die angebliche „Exotik“ und Ursprünglichkeit der dargestellten Lebensweise hervor. Dabei wurden sowohl rassistische Begriffe als auch koloniale Hierarchien unhinterfragt reproduziert.

Kinder im sog. „Somali-Dorf“, 1905. © Werkstattfilm Oldenburg

Blackfacing bei Trommlern und Flötisten (Oldenburger Paradeumzug anlässlich der Erinnerung
an den Verlust der Deutschen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg), 1920er Jahre
© Stadtmuseum Oldenburg/Gustav Tahl
Blackfacing bei Paradeteilnehmer:innen des Kramermarkt-Umzugs, 1990er Jahre.
© Werkstattfilm Oldenburg

Kritische Aufarbeitung in der Gegenwart

Lange blieb diese Episode der Oldenburger Stadtgeschichte unerzählt, wurde ignoriert oder sogar verklärt. Erst seit einigen Jahren bemühen sich verschiedene Initiativen um eine kritische Aufarbeitung. Die zunehmende Beschäftigung mit diesem historischen Ereignis macht die kolonialen Verflechtungen der Landesausstellung deutlich und zeigt, dass die Oldenburger:innen nicht nur unbeteiligte Zuschauer:innen, sondern aktiv an kolonialen Strukturen beteiligt waren: durch politische Unterstützung, ökonomische Interessen und gesellschaftliche Zustimmung.

Die Oldenburger „Völkerschau“ war damit ein lokales Spiegelbild globaler Machtverhältnisse – und zeigt, wie Kolonialismus nicht nur in den sogenannten Kolonien, sondern auch mitten in deutschen Städten wirkte: auf Jahrmärkten, in Museen, auf Plätzen wie der Dobbenwiese. Die Beteiligten waren keine anonymen Kulissenfiguren, sondern reale Menschen mit Biografien, Hoffnungen und Traumata – von denen viele nie zurück in ihre Heimat kehren konnten.

Erinnerung und Verantwortung

Heute ist die Erinnerung an die „Völkerschau“ von 1905 nicht nur eine historische Pflicht, sondern ein politisches Signal. Sie fordert dazu auf, Kolonialismus nicht als „fernes“ Kapitel der Geschichte zu begreifen, sondern als tief eingeschriebene Struktur in unseren Institutionen, Wahrnehmungen und Städten. Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit bedeutet auch, Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen – für die Fortsetzung kolonialer Denkmuster, für rassistische Diskriminierung, für eine Politik der Exklusion.

Umso wichtiger ist es, das Dobbenviertel mitsamt des Eversten Holzes nicht nur als grünes Naherholungsgebiet zu begreifen, sondern als Erinnerungsort. Seine Sichtbarmachung ist und die damit verbundene historische Aufarbeitung ist ein notwendiger Akt der Gerechtigkeit.