Militärisches Ehrengedenken: Geschichtsrevisionismus im öffentlichen Raum
An der Ofener Straße, auf dem Gelände der heutigen Jade Hochschule, verbirgt sich ein weitgehend unbeachteter Gedenkort: eine Ehrenhalle mit angeschlossenen Denkmälern für die oldenburgische Artillerie. In einem kleinen Wäldchen zwischen Parkplatz und Hochschulgebäude stehen mehrere Findlinge und eine säulenartige Halle, die an rund 800 gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs erinnern – und seit den 1950er Jahren auch an die Toten des Zweiten Weltkriegs. Doch zwischen den martialisch anmutenden Steinen steht ein weiteres Denkmal – kleiner, verwittert, fast vergessen. Was auf den ersten Blick wie eine private Erinnerung an einen Verstorbenen wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Denkmal für einen Teilnehmer des ersten deutschen Völkermords im 20. Jahrhundert – an den Ovaherero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia.

Kanonier Kleen – Erinnerung an einen Genozid

Die Ehrenhalle und die umgebenden Steine zeugen von einer tief verwurzelten Tradition militärischer Erinnerungskultur in Oldenburg. Als Garnisonsstadt war Oldenburg eng mit dem preußischen Militärwesen verbunden. Der Standort der ehemaligen Artilleriekaserne des Ostfriesischen Feldartillerieregiments Nr. 62 wurde nach dem Ersten Weltkrieg in eine Erinnerungsstätte umgewidmet. Die römisch anmutende „Ehrenhalle“ und die flankierenden Steine feiern militärische Tradition – ohne ihre kolonialen Verstrickungen zu benennen.
Der Stein für Kanonier Kleen ist dabei ein besonders sprechendes Beispiel, da sich weder dort noch an den beiden anderen Gedenksteinen Hinweise auf den Völkermord, die Opfer oder sonstiger Kontext zur deutschen Kolonialherrschaft finden lässt. Stattdessen wird ein Soldat geehrt, der im Kontext eines Vernichtungskriegs Teil einer imperialen Besatzungsmacht war. Georg Kleen gehörte zur 2. Oldenburger Batterie und meldete sich 1904 freiwillig zur Teilnahme an den sogenannten Südwestafrika-Feldzügen.
Zu dieser Zeit erhoben sich die Ovaherero unter Samuel Maharero gegen die deutsche Kolonialmacht. Die Reaktion des Deutschen Reiches war brutal: Unter General Lothar von Trotha wurde eine 15.000 Mann starke Strafexpedition entsendet, darunter auch Soldaten aus Oldenburg. Die „Schutztruppen“ – eine Kolonialarmee des Deutschen Reiches – begingen grausame Kriegsverbrechen: Sie vertrieben die Herero in die wasserlose Omaheke-Wüste, versperrten Wasserstellen und ließen Zehntausende verdursten. Von Trothas berüchtigter „Vernichtungsbefehl“ ordnete die gezielte Tötung aller Herero – auch Frauen und Kinder – an.



Später wurden tausende Überlebende in Konzentrationslager deportiert, wo sie an Krankheiten, Hunger und Zwangsarbeit starben.
Kanonier Kleen fiel nicht in der Schlacht, sondern starb „an Typhus zu Lüderitzbucht am 23.6.1906“ in einem Feldlazarett. Doch er war Teil dieses verbrecherischen Systems – ein Mitwirkender im Schatten eines Genozids. Dass sein Name bis heute in Stein gemeißelt und öffentlich als Gefallener im „südwestafrikanischen Feldzuge“ geehrt wird, während die Namen der Herero und Nama Opfer unerwähnt bleiben, ist Ausdruck kolonialer Verdrängung.
Symbol für mangelndes Bewusstsein
Der Gedenkstein für Kleen steht heute verwittert zwischen anderen Ehrenmalen – fast unleserlich, beinahe vergessen. Und doch ist er ein Symbol für den Umgang mit kolonialer Gewalt in Deutschland: verborgen, kontextlos, marginalisiert. Er verweist auf eine „unterschwellige Existenz“ kolonialer Erinnerung – ohne aktives Erinnern, ohne kritische Aufarbeitung.
Diese Form des Gedenkens perpetuiert ein verzerrtes Geschichtsbild: Es ehrt den Täter, ignoriert das Opfer, verhüllt den Kontext. Damit reiht sich der Ort ein in eine lange Liste deutscher Kriegerdenkmäler, die die Gewalt der Vergangenheit entpolitisieren und zum Opfermythos verklären.
Notwendigkeit der Kontextualisierung
Statt eine problematische militärische Tradition weiterzuführen, braucht es an der Ofener Straße dringend eine kritische Einordnung. Denkbar wären Informationstafeln, digitale Audioguides oder sogar eine Umgestaltung des Ortes als Lern- und Erinnerungsraum. Der Stein für Kanonier Kleen muss nicht entfernt werden – aber er darf nicht länger unkommentiert stehen.
Der Gedenkort an der Ofener Straße wäre ein sinnvoller Ausgangspunkt für eine konsequente Aufarbeitungsinitiative. Denn wer über Gedenken spricht, muss auch über Gewalt sprechen. Und über Verantwortung.
