Koloniale Verflechtungen einer Stadtgeschichte
Die Kolonisierung chinesischer Gebiete gehört zur Geschichte Oldenburgs, auch wenn sie im heutigen Stadtbild kaum sichtbar ist. Es gibt keine Straße, kein Denkmal und kein Gebäude, das unmittelbar an diese Ereignisse erinnert. Dennoch war Oldenburg seit der Mitte des 19. Jahrhunderts über Handel, Schifffahrt und diplomatische Vertretungen mit den imperialen Netzwerken Europas in Ostasien verbunden. Kaufleute, Konsuln und später Soldaten aus der Region beteiligten sich an der kolonialen Durchsetzung europäischer Interessen in China.
Die deutsche Expansion


Nach den Opiumkriegen zwangen europäische Mächte das Qing-Reich zur Öffnung seiner Häfen. In Städten wie Shanghai entstanden Vertragshäfen und ausländische Niederlassungen. Obwohl sie formal auf chinesischem Territorium lagen, wurden sie weitgehend von Europäer:innen kontrolliert. Dort galten eigene Gesetze und Verwaltungssysteme, während chinesische Bewohner:innen häufig politische und rechtliche Nachteile erfuhren. Mit dem „Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag“ von 1861 musste China weitreichende Handelsrechte, diplomatische Vertretungen und Sonderrechte für Ausländer akzeptieren.
Auch das Großherzogtum Oldenburg plante im 19. Jahrhundert ein eigenes Konsulat in Shanghai, um wirtschaftliche Interessen vor Ort politisch abzusichern. 1897 nutzte das Deutsche Reich die Ermordung zweier Missionare als Vorwand, um die Jiaozhou-Bucht zu besetzen. Das Gebiet um Qingdao (Tsingtau) wurde für 99 Jahre gepachtet. Dort entstand eine deutsche Kolonie mit Hafenanlagen, Eisenbahn und Militärstützpunkten.
Oldenburger:innen in China
Mit dem Aufbau der Kolonie gingen auch Menschen aus Oldenburg nach China. Sie arbeiteten als Soldaten, Händler oder Ingenieure. Laut einer Statistik von 1910 lebten neben 2.275 deutschen Soldaten 1.531 zivile Deutsche in Kiautschou, darunter 17 Menschen aus dem Großherzogtum Oldenburg. Bis 1913 stieg ihre Zahl auf 42.
Zu ihnen gehörten unter anderem Carl Friedrich Wilhelm Siedenburg, der 1899 als Bautechniker nach Kiautschou ging, die Ärztin und Geburtshelferin Dr. Elise Troschel und ihr Mann Ernst Troschel sowie Heinrich Eilers, der im Bauamt in Tsingtau beschäftigt war.

Der Boxerkrieg
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts formierte sich in China Widerstand gegen die ausländische Dominanz. Teile der Bevölkerung wandten sich gegen Missionen, wirtschaftliche Ausbeutung, die Kontrolle über die chinesische Infrastruktur und die militärische Präsenz der Kolonialmächte. Aus diesem Umfeld entstand um 1900 die Bewegung, die in Europa als „Boxeraufstand“ bezeichnet wurde.
Die Belagerung ausländischer Gesandtschaften in Peking im Sommer 1900 führte zur militärischen Intervention mehrerer Mächte. Ein internationales Expeditionsheer marschierte nach Nordchina, besetzte Peking und setzte seine Absichten mit Gewalt durch. Auch deutsche Truppen beteiligten sich daran.

Das Tagebuch von Heinrich Haslinde
Unter den deutschen Soldaten befand sich mit Heinrich Haslinde auch ein Oldenburger aus Ohmstede. Der Kaufmann meldete sich 1900 freiwillig für das Ostasiatische Reiterregiment. In Briefen und Tagebüchern berichtete er von der langen Überfahrt nach Ostasien und vom Alltag der deutschen Truppen während des Feldzuges. Seine Aufzeichnungen geben zugleich Einblick in die Verbrechen des deutschen Militärs während der Vergeltungsaktionen.
Vor ihrer Abreise wurden Haslinde und seine Kameraden von der sogenannten „Hunnenrede“ Wilhelms II. in Bremerhaven angesprochen. Darin forderte der Kaiser das Expeditionskorps zu einer rücksichtslosen Kriegsführung gegen die Aufständischen auf. Haslindes Notizen dokumentieren Plünderungen und Zerstörungen, aber auch rassistische Gewalt und Morde an der Zivilbevölkerung.
Als die deutschen Einheiten China erreichten, war der Aufstand vielerorts bereits weitgehend niedergeschlagen. Dennoch beteiligten sich die internationalen Truppen weiterhin an Gewaltaktionen, Strafexpeditionen und systematischen Plünderungen. Zeitgenössische Berichte zeigen, dass Soldaten Städte durchsuchten, Eigentum beschlagnahmten und Gewalt gegen die Bevölkerung ausübten.
Der lange Schatten kolonialer Gewalt
Die Geschichte Heinrich Haslindes macht sichtbar, wie eng lokale Lebensgeschichten mit globaler kolonialer Gewalt verbunden waren. Kolonialismus war kein fernes Projekt, sondern wurde auch von Händlern, Diplomaten und Soldaten getragen, deren Wege sie bis nach Nordchina führten.
Bis zum heutigen Tag befinden sich noch immer zahlreiche chinesische Objekte in europäischen Museen und Sammlungen. Ihre Herkunft ist häufig mit Repressionen und ungleichen Machtverhältnissen verbunden. Mehr als 125 Jahre später fehlt es noch immer an einem kollektiven Bewusstsein für dieses Unrecht – auch in der Erinnerungskultur Oldenburgs.
