
Tanga 1914: Kolonialkrieg inmitten eines Weltkriegs
Im Oldenburger Stadtteil Bürgerfelde, zwischen Elsässer Straße und Melkbrink, liegt die Tangastraße. Was heute wie ein beliebiger Straßenname klingt oder vielleicht sogar Schmunzeln erzeugt, weil es mit einem knappen Bikini-Unterteil assoziiert wird, verweist in Wirklichkeit auf ein dunkles Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte: Die Straße erinnert an die Schlacht von Tanga, die im November 1914 im heutigen Tansania stattfand – zur Zeit der deutschen Kolonialherrschaft in „Deutsch-Ostafrika“.
Die Schlacht von Tanga gilt als eine der ersten militärischen Auseinandersetzungen auf afrikanischem Boden im Ersten Weltkrieg. Vom 2. bis 5. November 1914 versuchte eine britisch-indische Expeditionsarmee unter General Arthur Aitken, die strategisch wichtige Hafenstadt Tanga einzunehmen.
Ziel war es, die Kontrolle über das Eisenbahnnetz zu sichern und einen deutschen Rückzugsraum im Osten Afrikas zu unterbinden.
Auf deutscher Seite wurde die Stadt durch die sogenannte Schutztruppe verteidigt – einer kolonialen Söldnerarmee unter dem Kommando von Paul von Lettow-Vorbeck, bestehend aus nur etwa 1.000 europäischen Soldaten und 1.000 afrikanischen Askari. Trotz der zahlenmäßigen Übermacht der Angreifer gelang es den deutschen Truppen, die Briten zurückzuschlagen. Der deutsche Sieg wurde in der Heimat zum propagandistischen Triumph erklärt und Lettow-Vorbeck als „Löwe von Afrika“ glorifiziert.
Dabei wurde verschwiegen, dass der Kampf um Tanga vor allem auf dem Rücken der kolonialisierten Bevölkerung ausgetragen wurde. Die Askari als zwangsrekrutierte, schlecht bezahlte und oft unterdrückte Hauptakteure der Schlacht wurden bis weit in das 20. Jahrhundert hinein kaum beachtet, obwohl sie den Großteil der Kämpfe austrugen.

Ihre Lebensrealität war geprägt von rassistischer Bevormundung und struktureller Ungleichheit. In der deutschen Erinnerungskultur nach dem Krieg wurden ihre Leistungen systematisch ignoriert oder romantisiert – die koloniale Gewalt, die ihren Einsatz erst ermöglichte, blieb weitgehend ausgeblendet. Erst in jüngerer Zeit rücken kritische historische Forschungen die Perspektive dieser afrikanischen Soldaten in den Vordergrund und machen sichtbar, wie tief der Erste Weltkrieg auch in den kolonialen Kontext verflochten war.
Auch auf der Seite der Briten spiegelten sich koloniale Machtverhältnisse deutlich wider. Die Truppen, die in Tanga zum Einsatz kamen, bestanden überwiegend aus Soldaten aus Britisch-Indien, vor allem aus Punjab-Regimentern. Weiße Offiziere führten die nicht-europäischen Soldaten an, deren Leben kaum als schützenswert galt.

Die indischen Soldaten wurden schlecht vorbereitet, mangelhaft ausgerüstet und oft in Frontalangriffe geschickt, in denen sie schwere Verluste erlitten. In der britischen Militärführung herrschte zugleich eine massive Unterschätzung des afrikanischen Terrains wie auch der militärischen Fähigkeiten der deutschen Schutztruppe und ihrer afrikanischen Soldaten.
Die Tangastraße als koloniale Propaganda
Die Tangastraße in Oldenburg entstand in einer Zeit, in der koloniale Erzählungen und militärischer Ruhm eng verknüpft waren. Benennungen wie diese dienten nicht der kritischen Erinnerung, sondern der Verherrlichung deutscher Kolonialmacht. Der Name ehrt keine afrikanische Stadt oder ihre Bewohner:innen, sondern erinnert an einen deutschen Sieg – errungen im Kontext kolonialer Unterdrückung.
Der Straßenname ist damit Teil einer kolonialen Erinnerungslandschaft, wie sie sich in vielen deutschen Städten findet. Er transportiert bis heute ein unkritisches Narrativ, das Kolonialismus mit „Zivilisationsmission“ und soldatischer Tapferkeit verklärt, aber die Gewalt, Ausbeutung und rassistische Grundlage des deutschen Kolonialprojekts verschweigt.


Erinnerung braucht Kontext
Die Geschichte der Tangastraße mahnt dazu, den öffentlichen Raum nicht als ahistorisch zu begreifen. Straßennamen sind Ausdruck politischer Entscheidungen – und sie formen das kollektive Gedächtnis. In einer postkolonialen Gesellschaft ist es notwendig, solche Namen zu hinterfragen, sichtbar zu machen, was sie verschweigen, und alternative Erinnerungsformen zu schaffen, die nicht die Täter:innen ehren, sondern die Erfahrungen der Kolonisierten in den Mittelpunkt stellen.
Die Tangastraße steht somit exemplarisch für den Umgang mit kolonialem Erbe im öffentlichen Raum, indem ihr Name auf ein konkretes Gewaltverbrechen verweist und dieses dadurch würdigt. Es bedarf daher eine umfassende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und eines Verantwortungsbewusstseins in der Bewertung historischer Narrative.
