Zigarren Niemeyer

Kolonialrassismus im Schaufenster: Figuren bei M. Niemeyer in Oldenburg

Mitten in der Oldenburger Innenstadt, im Schaufenster der traditionsreichen Tabakhandlung M. Niemeyer, stehen mehrere dekorative Figuren, die auf den ersten Blick nostalgisch oder folkloristisch wirken mögen – bei genauerer Betrachtung jedoch Ausdruck eines kolonialrassistischen Weltbildes sind. Diese Figuren zeigen Schwarze Menschen mit stark überzeichneten Gesichtszügen, exotisierender Kleidung und oft in einer dienenden Haltung – als Träger, Kellner oder Zuarbeiter. Sie stehen nicht zufällig dort. Sie sind Teil einer langen Geschichte der Darstellung Schwarzer Menschen im Dienste weißer Konsumgesellschaften – einer Bildsprache, die koloniale Gewaltverhältnisse verharmlost, romantisiert und bis heute tradiert.

Solche Darstellungen haben ihren Ursprung im 19. Jahrhundert, als mit dem wachsenden kolonialen Einfluss europäischer Staaten auch der Konsum von Kolonialwaren in Europa zunahm – unter anderem Tabak, Zucker, Schokolade und Kaffee. Werbung, Verpackung und Produktdesign nutzten Bilder Schwarzer Menschen in stereotypisierter und degradierender Weise: als „Exoten“, als „nützliche Helfer“, als „primitive Diener“. Die bekannteste Figur ist der sogenannte „Sarotti-M**r“, jahrzehntelang das Logo einer deutschen Schokoladenmarke. Auch die Tabakwarenindustrie nutzte vielfach entsprechende Figuren, um den „Ursprung“ ihrer Produkte zu visualisieren – nicht, um ihre Herkunft zu erklären, sondern um Machtverhältnisse bildlich zu inszenieren.

Das frühere Maskottchen der Marke Sarotti im BOXENSTOP Museum, Tübingen, 2012.

Tabak und Kolonialismus – ein verdrängter Zusammenhang

Die Figuren in Niemeyers Schaufenster stehen also nicht isoliert, sondern in dieser langen Tradition. Ihre Wirkung ist eindeutig: Sie verweisen auf Schwarze Körper als exotisch, verfügbar, dienstbar – und ordnen sie einer rassistischen Hierarchie unter. Schwarze Menschen erscheinen hier nicht als Individuen mit Geschichte, Würde und Gleichwertigkeit, sondern als Zierde, Staffage, Objekt.

Tabak wurde seit dem 16. Jahrhundert aus kolonialisierten Gebieten nach Europa importiert – zuerst aus der Karibik, dann auch aus Afrika und Südostasien. Der Anbau erfolgte auf Plantagen, die meist durch Sklaven- oder Zwangsarbeit betrieben wurden. Die Profite flossen in den globalen Norden, die Arbeitskraft stammte aus dem globalen Süden.

Die Fortsetzung kolonialer Handelsstrukturen ist kein rein historisches Phänomen. Noch heute stammen viele Tabakprodukte aus Ländern des globalen Südens, in denen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne und Umweltzerstörung Realität sind. In Ländern wie Simbabwe, Malawi oder Indonesien arbeiten Erwachsene wie Kinder unter prekären Bedingungen für einen globalen Tabakmarkt, der weiterhin von großen Unternehmen im globalen Norden dominiert wird.

Warum die Figuren ein Problem sind – und was das mit uns zu tun hat

Die Figuren im Schaufenster von Niemeyer sind kein unschuldiger Dekor. Sie sind Symbole eines Weltbildes, das rassistische Machtverhältnisse als selbstverständlich darstellt. Sie verweisen auf eine Vergangenheit, in der Schwarze Menschen versklavt, kolonisiert, zur Ware gemacht wurden – und sie tun dies, ohne dies zu benennen, zu kontextualisieren oder zu problematisieren. 

In einer Stadt wie Oldenburg, in der die koloniale Vergangenheit lange ignoriert wurde, wirken solche Figuren besonders laut. Es ist kein Zufall, dass genau diese Figurentypen bis heute in der Werbung für Tabak oder Schokolade überleben. Sie bedienen nicht nur ein nostalgisches Bedürfnis nach „guten alten Zeiten“, sondern entziehen sich bewusst einer Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte.

Forderung: Kontextualisierung oder Entfernung

Was wäre die angemessene Reaktion? Mindestens eine Kontextualisierung. Ein erklärender Hinweis, der Herkunft, Geschichte und Problematik dieser Figuren offenlegt. Idealerweise ihre Entfernung aus dem öffentlichen Raum. Denn solange sie stehenbleiben, vermitteln sie ein falsches Bild: Dass koloniale Gewalt und rassistische Stereotype harmlos seien – oder gar Teil regionaler Tradition.

Doch Rassismus ist keine Dekoration. Und Kolonialismus keine Kulisse. Die Figuren bei Niemeyer erzählen eine Geschichte – aber es ist nicht die Geschichte von Genuss und Handel, sondern von Gewalt, Ausbeutung und Ungleichheit. Es ist an uns, diese Geschichte richtig zu lesen – und entsprechend zu handeln.